Wissenschaft & Soziales

Es ist nicht zu übersehen, wenn man durch eine Fußgängerzone läuft oder sonst wo vielen Menschen begegnet. Die Art Homo sapiens ist dabei, eine der großen Errungenschaften der Evolution, den aufrechten Gang, aufzugeben. Ihre Mitglieder laufen stattdessen mit abgeknickten Köpfen durch die Welt. Früher sagte man, dass Menschen ein Brett vorm Kopf ­haben, und heute sieht man, dass sie ihre Handys davor halten. Es scheint keine Rolle zu spielen, was Menschen gerade machen – ob sie eine Vorlesung hören, mit Freunden bei einer Tasse Kaffee sitzen, bei einem Fußballspiel zuschauen, mit dem Zug unterwegs sind, sich mit ihren Kindern auf einem Spielplatz vergnügen, in einem Supermarkt einkaufen oder daheim vor dem Fernsehapparat sitzen. Immer sieht man, wie ihre Lust, den Kopf zu beugen und abzuknicken und auf das Display ihrer iPhones oder iPads zu schauen, alles andere verdrängt und das Bedürfnis nach den bunten Bildchen dort unüberwindlich zu sein scheint.

Zum (Not-)stand der Bildung

Prof. Dr. Ernst Peter Fischer

Wuppertal, mathematik, physik, biologie, wissenschaftsgeschichte, habilitation, dr., prof., ernst peter fischer, hochschule holzen, europäisch

Prof. Dr. Ernst Peter Fischer

geboren 1947 in Wuppertal; Studium der Mathematik und Physik in Köln, Studium der Biologie am California Institute of Technology in Pasadena (USA) (Promotion 1977), Habilitationsstipendiat der DFG im Bereich Wissenschaftsgeschichte (Habilitation 1987); apl. Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz; langjähriger Vizepräsident des Trägervereins e.V. zur Gründung der privaten Hoch-
schule Holzen, einem Europäischen Studienkolleg für Weiterbildung.

 

Ob man die Mitglieder auf der Regierungsbank im Bundestag oder die Phalanx der Gaffer bei einem Selbstmordattentat im Fernsehen betrachtet – stets hat ein Teil der gezeigten Gruppe den Blick nach unten auf sein elektronisches Spielzeug gerichtet, und was sich in der Umgebung abspielt, stellt für den seinen Kopf beugenden und somit unterwürfigen Handy Gucker bestenfalls – dafür aber mit höchst präzisem Sinn – eine Randerscheinung dar. Manchmal wird mit dem iPhone auch telefoniert, was vor allem Menschen gerne tun, die gelangweilt Kinderwägen schieben oder auf dem Platz vor einem Kaufhaus stehen, wo sie leicht bemerkt werden.

Wer sieht, wie emsig die Kopf-unten-Generation an ihrem großen Experiment mit evolutionären Folgen arbeitet und sich auf das Verschwinden des aufrechten Gangs vorbereitet, wird fragen, welcher Vorteil mit dem geneigten Kopf verbunden sein könnte. Eine Antwort könnte lauten, dass die iPhones und iPads verhindern, dass sich Menschen mit sich selbst beschäftigen, was unerwartete Ergebnisse zeitigen kann. Sie sind nicht mehr bei sich und nur noch außer sich. Sie finden nichts mehr in sich, vor allem nicht das, was früher einmal Bildung hieß und konkret eine Einbildung meinte (wobei dafür auf Lateinisch auch „Information“ gesagt werden kann). Früher zählte die Einbildung, also das Bild, das man sich von Gott, von sich selbst, von der Kultur und der Welt machte. Aber diese Bildung gilt heute nichts mehr. Man darf nicht mehr eingebildet sein und muss sich dafür ausbilden lassen. Das will die Politik und das liefert das Handy, eine Ausbildung. Die Bilder sind nicht mehr in mir. Sie sind außerhalb von mir, und ich bin außerhalb der Kultur. Man sollte außer sich sein vor Wut.

 

Zum (Not-)stand der Bildung

Frühjahr 2016: Wenn man den Infor­mationen aus den Medien vertrauen darf, bekommt Hillary Clinton in etwa 150.000 Dollar für einen Vortrag, in dem vermutlich wenig ­eigene Gedanken zu finden sind. Wenn ich mich recht erinnere, hat Peer Steinbrück selbst von verarmten Kommunen 15.000 Euro bekommen, nur um zu sagen, was man auch in der Zeitung lesen konnte. Aber wenn ich über Bildung vortrage und dabei begeistert eigene Ideen verarbeite und kulturelle Zusammenhänge auf­zeige, kann ich froh sein, wenn die Schule oder Akademie dafür 150 Euro zur Verfügung hat. Natürlich spricht aus diesen Hinweisen Neid auf die fetten Honorare, aber trotzdem darf nicht übersehen werden, dass in dieser Knausrigkeit mehr zutage tritt, nämlich die Tatsache, dass Bildung hierzulande nichts kosten darf und das Publikum für Bildung nicht bezahlen will.

Menschen geben massenhaft Geld für SUVs aus, sie bezahlen mit ­einem Lächeln teure Fernflüge und exklusives Golfspielen, sie kaufen ohne ­Zögern neue Smartphones und andere teure Geräte, sie lassen sich nicht lumpen bei Galas oder Em­pfä­ngen, sie greifen tief in ihre Taschen, um schwitzenden Millionären beim Kicken zuschauen zu können, sie buchen luxuriöse Wellnesswochenenden und manches mehr – aber sie werden sofort zurückhaltend und lassen ihre Geldbörse stecken, wenn es um Bildung geht. Die darf nichts kosten. Zwar versichern viele Menschen und alle Politiker, dass ihnen die Bildung lieb und teuer ist – ­ohne zu merken, dass sie spätestens beim zweiten Wort schwindeln –, und ­viele sagen, dass sie gerne mehr ­wissen und von der Kultur verstehen möchten, zu der sie gehören. Aber zahlen für einen ­Bildungsvortrag oder gar eine Bildungswoche wollen sie nicht, oder nicht zu viel, und auch nur dann, wenn es ein schönes Essen und ­gute Getränke gibt.

Wer sich fragt, woher das kommt, könnte bösartig vermuten, dass ­viele Menschen Angst haben, bei diesen Veranstaltungen auf Dinge zu stoßen, die sie nicht verstehen und ­ihre Fähigkeiten übersteigen, besonders dann, wenn es um naturwissenschaft­liche Bildung geht. Wer kennt sich schon mit partiellen Differentialgleichungen aus oder versteht, wie man eine Peptidbindung löst oder Chromosomen manipuliert? Wer kommt schon mit Ellipsen oder dem goldenen Schnitt klar? Und ­warum soll man auch noch dafür ­bezahlen, dass einem die eigene Gedankenenge vorgeführt wird?

Ich denke zwar, dass die Sorge vor der Überforderung eine Rolle spielt, auch wenn dabei eigentlich sokratisch gedacht wird, weil man doch weiß, wie wenig man weiß. Ich denke aber auch, dass in der fehlenden Bereitschaft, für Bildung so viel zu zahlen wie für gewöhnliche Unterhaltung, eine Folge der Geschichte steckt, die in den 1960er Jahren gespielt hat und wie folgt abgelaufen ist. Damals übernahmen Sozialwissenschaftler das Thema Bildung, ­zuerst als 1964 „Die deutsche Bildungskatastrophe“ konstatiert wurde und dann, als Ralf Dahrendorf ein Jahr später „Bildung als Bürgerrecht“ proklamierte. Dabei vollzog sich das, was der „Durchbruch des gesellschaftspolitischen Denkens“ genannt werden kann, in dessen Verlauf die bewährten Kategorien Person, Geist und Idee verschwanden und mit rigoroser Einseitigkeit durch Gesellschaft, Einkommen und soziale Gerechtigkeit ersetzt wurden. Vordenker wie der Sozialphilosoph Jürgen Habermas gaben selbst den Glauben an die einfachste Form von Bildung auf, die dialogisch in Gesprächen über andere Themen als die nächste Rentenerhöhung oder die Korruption bei der FIFA gelingt, indem er erklärte, „die wissenschaftlich erforschte Natur fällt aus dem sozialen Bezugssystem von erlebenden, miteinander sprechenden und handelnden Personen heraus“. Seine Studenten atmeten auf, weil sie jetzt nicht einmal minimale Kenntnisse von den Naturwissenschaften zu erwerben brauchten, natürlich ohne deshalb darauf verzichten zu müssen, in Ethikkommissionen moralische Urteile zu fällen, denn das wollten Habermas und seine Verehrer doch, nämlich die „Gewalt technischer Verfügung in den Konsensus handelnder und verhandelnder Bürger“, zurückholen, womit sie sich selbst meinten. Sie wollten nur nicht den Umweg gehen, auf dem die Wissenschaft selbst verhandelt und ihr Verständnis entgegengebracht wurde.

Eine lohnende Definition von Bildung versteht darunter die Form, in der sich eine Kultur in einem Individuum zeigt und bemerkbar macht. Wer jetzt fragt, was die aktuell erlebte Kultur in hiesigen Breiten ausmacht, hat viele Möglichkeiten, seine Antwort zu fassen. Aber er oder sie sollte stets bedenken und nicht vergessen, dass die westliche Kultur sich vor allem technischen Voraussetzungen verdankt, die sich auf einer wissenschaftlichen Grundlage erheben. Diese trägt also zur Kultur bei und gehört dazu. Wer dazu Beispiele liefern will, kann auf die ­Digitalisierung verweisen, die technisch auf Chips basiert, die wiederum aus Transistoren bestehen, die es ohne Kenntnis der Quantenmechanik nicht geben würde. Diese Quantenmechanik gehört also zu Bildung, wobei man zum Beispiel nicht nur das Mooresche Gesetz sondern auch verstehen sollte, warum Albert Einstein seine Mühe mit dieser Physik der Atome hatte und einige ihrer Einsichten mit der schnoddrigen Bemerkung kommentierte, „Gott würfelt nicht.“ Einstein wunderte sich, dass es physikalische Vorgänge gibt, die ohne Grund stattfinden und damit der „Kritik der reinen Vernunft“ eins auswischen, die Immanuel Kant geschrieben hat. Es ist offensichtlich, was für ein Bildungswissen in der Quantenmechanik steckt, die Einstein selbst entworfen und genutzt hat, um sowohl eine geheimnisvolle Natur des Lichts zu bestaunen als auch einen Vorschlag zu unterbreiten, wie man Atome dazu bringen kann, Licht in der Form auszusenden, mit der Laser leuchten.

Keine Frage, Bildung macht Mühe, und deshalb kann sie auch kein Recht sein, das einem Menschen geliefert wird. Bildung kann nur eine Pflicht sein, so wie es jeder als Pflicht empfinden sollte, sich um seine Gesundheit zu kümmern, und zwar selbst, solange es geht. Beide belohnen einen Menschen, die Gesundheit und die Bildung, weil beide Freude ermöglichen und Genuss verschaffen. Von John F. Kennedy stammen zwei großartige Sätze zu den Themen, die hier zitiert werden sollen. In einem Fall meinte Kennedy, ein Bürger solle nicht fragen, was sein Land für ihn tun kann. Er solle vielmehr fragen, was er für sein Land tun kann. Menschen sollten auch nicht fragen, was andere für ihre Gesundheit – oder auch die als Nachhaltigkeit bezeichnete Gesundheit des Planeten – tun können, sondern überlegen, was sie selbst dazu beitragen können. Und was die Bildung angeht, so räumte Kennedy ein, dass sie teuer wird. Aber er wusste auch, was noch viel teurer wird, nämlich keine Bildung. Welchen Preis kann sich die gegenwärtige Gesellschaft für das Verschwinden der Gesprächs­grundlage leisten? Oder gibt sie doch lieber ihr Geld für die ­Bildung aus, die allein Menschen die Freiheit geben kann, sich für Nachhaltigkeit und Gesundheit zu entscheiden? Das macht Mühe, zahlt sich aber aus. Ich kann gerne davon erzählen, und vielleicht gibt es dafür mehr als 150 Euro.

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