Titelgeschichte 2/2017

Generationen

im Dialog

Abb. links:

Die Gründerinnen Katharina Mayer (Mitte) und Katrin Blaschke (rechts) gehen mit Kuchenoma Astrid die

Bestelllisten durch.

Text: Isabella Hafner

In der Senioren-Bäckerei

Gründungsidee: Originalkuchen von
Oma zu liefern, nach ihrem Rezept und
von ihr selbst gebacken …

Zwei junge Münchner Unternehmerinnen hatten dieses originelle Konzept. Klar, dass hier nur Rentner arbeiten dürfen. Die meisten von ihnen müssen nicht arbeiten, viele wollen es aber. Manche brauchen das Geld, die meisten suchen schlicht sozialen Kontakt.
In einer Münchner Backstube finden die Ruheständler zusammen: Senioren, denen es schwerfällt, nichts zu tun. Ein Beispiel von vielen.

»Es duftet nach Weihnachten«

Pünktlich zum Fest ist ein Weihnachtsbackbuch erschienen. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Bücher gestaltet und sind im Online-Shop unter www.kuchentratsch.com bestellbar. Im neuen Weihnachtsbackbuch „Es duftet nach Weihnachten“ verraten die Omas und Opas von Kuchentratsch ihre Lieblingsrezepte. Neben Plätzchen gibt es tolle Kuchen sowie Weihnachtsgetränke zum Nach-machen und Entdecken. Eine passende Anleitung für Tischdekoration, Adventskalender und Deko­sterne basteln darf nicht ­fehlen.

Euro 24,90, Autorin: Katharina Mayer

Moritz-Röder-Verlag, ISBN 978-3-9819120-0-5

»Kuchentratsch«

Backbuch von den Gründerinnen Katrin Blaschke
und Katharina Mayer

Das zuerst produzierte Backbuch vom September 2015 von Kuchentratsch begeistert nicht nur durch die traditionellen Rezepte, sondern auch durch die liebevolle Gestaltung und dem ein oder anderen Geheimtipp von Oma.  Acht Omas verraten ihre Lieblingsrezepte – und die sind bekanntlich die besten: Käsekuchen, Apfelkuchen, Eier­likörkuchen, Linzertorte, Jamaicatorte und viele andere.

Euro 15,99, Frech-Verlag

ISBN 978-3772480041

Backbuch-Tipps:

Foto: © Michael Ruder

Routiniert bestückt Opa Gerd drei Kuchen mit Apfelspalten. Er ist 70, sein Motto: „Lieber Backen als zu Hause Staubsaugen“. Er hat’s drauf, sein Marktwert dürfte bei den Damen hier hoch sein. Gerd aber ist bereits versorgt. Und kennt nicht nur Küchen in Genf, Lausanne und Arosa, sondern auch die des Münchner Grand Hotels Bayerischer Hof. Als diplomierter Küchenmeister koordinierte er dort 120 Köche. „2000 bis 2500 Essen am Tag, 18 Banketträume, Tag und Nacht wurde gearbeitet“ – er schmunzelt, „das hier ist wie Urlaub.“ Hier backt er höchstens 15 Kuchen, kommt um 9.30 Uhr, bleibt fünf Stunden; drei Mal pro Woche. Sein Spezialkuchen: „Liebeserklärung an den Herbst. Frische Birne trifft auf Lavendel und Walnüsse.“

Rosa Josefine erinnert sich gut an ihren Rentenstart. Sie hatte als Beraterin im Personalwesen eines Arbeitgeberverbands gearbeitet, was ihr gefiel, und freute sich doch auf den Ruhestand. „Erstmal ist mir bewusst geworden, dass der Wecker nicht mehr um 6.30 Uhr klingelt, dass ich keinen Vorschriften mehr folgen muss. Drei Jahre lang genoss ich das, dann wurde mir langweilig“, erzählt sie auf Bayerisch. Sie wollte etwas tun, was Spaß machte. Und ein Zuverdienst - auch nicht schlecht. „In München braucht man eine hohe Rente.“ Josefine sah einen Fernsehbeitrag über Kuchentratsch, rief dort an, wurde zum Probebacken eingeladen, bestand.

Zwischen 40 und 50 Kuchen produzieren die Rentner täglich. Das Team variiert, je nachdem, wer Zeit hat. Fünf von rund 25 sind immer da. Maxi Gassmann, 24, managt als Betriebsleiterin Bestellungen, schaut, dass die Geräte funktionieren und Zu­taten da sind. Die sind größtenteils regional, saisonal und biologisch. Im Regal reihen sich Plastikbehälter, gefüllt mit Nüssen, Mehl, Zucker, Rosinen…

Bis jetzt wurde fröhlich geratscht, die Anzahl der Enkelkinder durchgegeben, über Familie und die frühere Jobs gesprochen, über Josefines Mann, der auswandern wollte, aber maximal bis nach Bad Tölz auswandern durfte, weil Josefine nie weg aus Oberbayern wollte. „Heute ist die Welt ja klein“. Die anderen nicken. Doch kippt nun die Stimmung? Der Kampf um die neun Öfen ist eingeläutet. Vor jedem warten Teig gefüllte Formen. Jeder will einen Platz ergattern.

Die 67-jährige Maria Anna holt tief Luft. Brüllt sie? Nein. Sie schmettert vom tiefsten Punkt ihres Zwerchfells aus ein Lied aus Westside Story. Die Küche mutiert zur Bühne, theatralisch reißt sie die Arme mit dem Teigschaber zur Seite, die Schürze nach oben. Applaus. Danach sagt die Ex-Baden-Württembergerin in spitzem Hochdeutsch, „ich habe mich im Mezzosopran ausbilden lassen“, und packt ihren Werdegang aus. Englisch­studium, mit 24 die Tochter, mit zwei zur Tagesmutter, Arbeit als freiberufliche Dolmetscherin: Landgericht München I und II, Gefängnis Stadelheim.“ In Wien war sie für eine international agierende Personalberatung tätig, „zuständig für
 den nordafrikanischen Raum“. Von ihrem Mann hat sie sich vor
einiger Zeit getrennt. Leider hat Maria Annas berufliche Selbst-
ständigkeit zu ­einer Minirente geführt. Neben dem ­Backen gibt sie Englisch- und Deutschunterricht für 8,50 Euro die Stunde.

Küchentratsch gibt es seit fast zwei Jahren. „Etwa dreieinhalb Jahre braucht ein junge Firma, um finanziell gut dazustehen“, sagt Katharina. Die Gründerinnen sind stolz, dass sie alles Geld aus ­einer Spenden-Kampagne auf einer Internetplattform generieren konnten.

381 Freiwillige unterstützten ihre Idee mit 24.630 Euro. Mehr als ihre gesetzte Zielmarke von 23.000 Euro. Geräte für die Küche und Miete waren dann kein Hindernis mehr, die Eintragung in die Handwerksrolle dagegen schon. Bäckerinnung und IHK mussten zustimmen, Katrin und Katharina eine Prüfung in Theorie und Praxis ablegen, weil sie keine ausgebildeten Konditoren waren. Aber es hat alles geklappt.

Wir wünschen weiterhin viel Erfolg und gute Backideen.

Karottenkuchen, Karottenkuchen, Karottenkuchen. Wenn Oma
Josefine heute hier geht, wird sie neun davon gebacken haben, verrät ihr um 11 Uhr ihre Backliste. Die Liste kommt von Katrin und Katharina, zwei Frauen Mitte zwanzig, die ihre Enkelinnen sein könnten. Josefine ist 68, trägt rosa Shirt, rosa Schürze, in die ihr Namen gestickt ist, vor ihr eine rosa Waage und eine Schüssel mit Eierschalenberg. „35 habe ich heute schon gekillt. 15 kommen noch.“ Sie backt mit anderen Rentnern in der im März 2015 gegründeten Münchner Konditorei Kuchentratsch, die sich in einem Münchner Hinterhof versteckt. Der ganze Hof riecht nach Rührteig. Die beste Visitenkarte.

Katharina Mayer, 27, hat BWL mit Schwerpunkt Sozial- und Gesundheitsmanagement studiert, Katrin Blaschke, 27, Kommunikation und IT. Nirgendwo in der Stadt gäbe es so guten Kuchen wie der ihrer Omas, fanden sie. Das musste sich ändern. Katharina: „Und wir haben gemerkt, dass es für unsere Omas
schwer war, Anschluss zu finden und sie nicht zu Hause
herum sitzen wollten.“ Bei Kuchentratsch verdienen sich
nun Senioren auf Minijob-Basis bis zu 450 Euro im
Monat dazu. Bestellt wird per Internet, Oma Inges
russischer Zupfkuchen, Opa Norberts Käsekuchen
(„saftiges Kuchenglück aus Kindheitstagen mit
frischem Quark, Schmand und einem Hauch Vanille
auf knusprigem Mürbeteigboden und Beeren“) oder
Oma Elfis Aprikosenkuchen („der passende Begleiter
für jeden Anlass“). Lieferopa Hans fährt die Kreationen
zu Cafés, Firmen und Privatleuten. Wer nicht im Stadt-
gebiet wohnt, kann sich Cookies, Marmorkuchen oder
Nussecken schicken lassen.

„Das ist wie Urlaub“: Gerd, früher Küchenmeister, heute Kuchenopa.

Der Marmorkuchen von

Oma Astrid wird angerührt.

„Richtig happy“: Oma Josefine
backt Karottenkuchen.

40 bis 50 Kuchen verlassen

pro Tag die Backstube.

Die Gründerinnen:
Katrin Blaschke (links) und

Katharina Mayer mit

ihrem „Lieferwagen“.

Foto: © Isabella Hafner

Foto: © Isabella Hafner

Foto: © Isabella Hafner

Foto: © Isabella Hafner

Foto: © Michael Ruder, Kuchentratsch

Foto: © Michael Ruder, Kuchentratsch

Foto: © Michael Ruder, Kuchentratsch

Foto: © Isabella Hafner

Foto: © Isabella Hafner

Coverfotos: © Kuchentratsch

Der Apfelkuchen von Oma Heide.

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