Titelgeschichte 2/2014

Die Kessler-Zwillinge

Die Kessler- Zwillinge sind am 25. August 1936
geboren und feiern in diesem Jahr ihren
78. Geburtstag. Dies ist der Anlass, mit ihnen ein
wenig aus dem „Nähkästchen“ zu plaudern.

Ellen und Alice Kessler
im Garten ihres Hauses.

Foto: © Barbara Volkmer

Gendia: Da die Geburt von Zwillingen ja nicht gleichzeitig stattfinden kann die Frage: Wer von Ihnen hat als Erste das Licht der Welt erblickt?

Alice: Ich war die Erste, Ellen ist 45 Minuten später gekommen.

 

Gendia: Sind sie heute immer noch die Erste – z.B. bei Initiativen, Entscheidungen?

Alice: Nein. Die Erste ist fast immer die Ellen, obwohl sie 45 Minuten „zu spät“ gekommen ist.

 

Gendia: Wie steht es mit den persönlichen Vorlieben und Leidenschaften?

Alice: Ich liebe gute Theaterstücke, Musicals und Golf, meine Leidenschaft gehört einem guten Essen, ­wobei gut essen nicht immer mit viel essen zu verwechseln ist.

Ellen: Bei mir ist es genau das Gleiche – so, wissen Sie, wie bei einem alten Ehepaar.

 

Gendia: Können Sie mir sagen, welcher Augenblick der glücklichste in Ihrem Leben war?

Alice: Es gibt mehrere glückliche Augenblicke, aber an einen erinnere ich mich ganz besonders: es war die Ankunft in Paris auf den Champs-­Élysées mit dem Arc de ­Triomphe im Hintergrund – unser ­erstes Engagement am „Lido“ – das war ein sehr glücklicher Augenblick. Ich war 17 ½ Jahre.

 

Gendia: Und welcher war es bei ­Ellen?

Ellen: Für mich was es ein Musical in Italien. Niemand glaubte daran, dass wir es machen könnten, und es war ein Riesenerfolg. Alle großen italienischen Stars waren in der ­Premiere: Anna Magniani, Vittorio de Sica. Alle haben uns applaudiert – und das war für mich der glücklichste Augenblick zu beweisen, dass wir das können.

Gendia: Viele berühmte und bekannte Menschen sind Ihnen in der Zeit Ihrer künstlerischen Laufbahn ­begegnet. Welche Begegnung war die für Sie eindrucksvollste?

Ellen: Ich glaube, das ist für uns beide gleich: Es war die Begegnung mir Fred Astaire. Das Ganze war sehr eigenartig. Wir waren in Los Angeles, und der Choreograf von Fred Astaire hatte mit uns im italienischen Fernsehen gearbeitet. Als wir in Los Angeles ankamen, haben wir ihn angerufen, um ihn zu treffen. „Ja, meinte er, kann ich einen Freund mitbringen?“ „Na ja“, dachten wir, „muss ja eigentlich nicht sein, wir wollten uns mit ihm lieber allein unterhalten.“ „Aber“, meinte er, „der Freund wartet in der Garage.“ Wir kamen runter in die Garage, da stand so im Halbschatten ein Herr mit Hut und Trenchcoat. Wir sind auf ihn zugegangen, und da stand Fred Astaire! Da war unsere Freude ­natürlich groß. Das war eine der eindrucksvollsten Erinnerungen, an die ich mich spontan erinnere.

 

Gendia: Und das tragischste Er­lebnis?

Alice: Ja, da gibt es eigentlich mehrere tragische Erlebnisse. Aber das schmerzlichste ist der frühe Tod der Mutter. Ja, unsere Mutter war so ein bisschen alles für uns. Sie war Schwester, Freundin, auch ein wenig Kind.

 

Gendia: Haben Sie berufliche Pläne für die kommenden Jahre? Wie ­wäre es mit einem „Studio für Evergreens“– für unsere zahlreichen fit gebliebenen oder fit werdenden Senioren?

Ellen: Ein Studio, in dem wir unterrichten? Das kommt für uns nicht mehr in Frage. Als wir jünger waren, hatten wir mal den Gedanken, eine Ballettschule zu eröffnen. Wir sind dann von dem Plan abgekommen, denn bei einem derartigen ­Studio mit Ihrem eigenen Namen müssen Sie ständig anwesend sein. Nein, wir haben ja auch noch ein paar Hobbies, wir spielen gern Golf und unsere Freizeit möchten wir gern für uns nutzen.

Alice: Im nächsten Jahr – im März 2015 – soll in Italien mit uns ein Spielfilm gemacht werden. Das Thema ist interessant, wir haben das Buch gelesen. Jetzt müssen noch weitere Einzelheiten geklärt werden, wie die Gage, die anderen Mitwirkenden und vieles mehr.

 

Gendia: So, jetzt kommen die Träume. Welche Träume sind für dieses Leben noch unerfüllt?

Alice: Eigentlich keine. Das einzige wäre gewesen, mal am Broadway zu spielen. Also, in Amerika sind wir ja aufgetreten, nur eben am Broadway nicht. Heute möchte ich es auch gar nicht mehr machen, denn heute haben sie dort neun Vorstellungen in der Woche, und das ist sehr anstrengend. Wenn es sich vor 20 Jahren ergeben hätte, dann wäre es noch interessant gewesen.

 

Gendia: Gesetzt den Fall, Sie könnten Ihr nächstes Leben gestalten – ­haben Sie eine Wunschvorstellung?

Alice: Das gebe ich weiter an meine Schwester, die Ellen.

Ellen: Also, im nächsten Leben – wenn ich das gestalten könnte – dann würde ich nicht mehr singen und tanzen zu gleicher Zeit. In den klassischen Gesang würde ich gehen. Ich glaube, es ist einfach schöner. Ist natürlich auch anstrengend, der klassische Gesang, aber singen und tanzen ist wahnsinnig anstrengend, und ich glaube, das Publikum weiß es gar nicht zu schätzen.

Fred Astaire hat einmal zu uns gesagt, wenn er wieder geboren werden würde, würde er nie mehr singen und tanzen zur gleichen Zeit. Und er hat vollkommen recht. Es ist eigentlich E-Musik (ernste Musik) und nicht U-Musik (Unterhaltungs-Musik). Aber das ist eigentlich nur in Deutschland so ausgeprägt, dass die Leute E-Musik mehr schätzen als U-Musik. Das wird sich vielleicht ­ändern durch die vielen Musicals, die kommen, aber E-Musik steht immer noch an erster Stelle.

Jetzt gebe ich Ihnen wieder meine Schwester, die Alice.

Alice: Ich will sagen, der klassische Gesang ist langweiliger. Ich würde sagen, unser Tanzen und Singen ist abwechslungsreicher. Aber meine Antwort ist, ich will gar nicht mehr auf die Welt kommen. Vielleicht als Tier oder als Schmetterling. Auch nicht mehr als Zwilling. Das reicht nun.

 

Gendia: Wie ist es mit den unterschiedlichen Wesensarten der Zwillinge?

Alice: Sehr verschieden – ich bin ein bisschen das Gegenteil von Ellen.

 

Gendia: Hat sich das als ein guter Ausgleich gezeigt?

Alice: Ja, ich denke schon.

 

Gendia: Der eine hört dann auch auf den anderen?

Alice: Nicht immer – sie ist spontan, schnell, manchmal zu schnell.

 

Gendia: Sie lebten lange Zeit in ­Italien. Sie leben jetzt in München – warum sind Sie nach Deutschland zurückgegangen?

Alice: Weil Italien verwaltungsmäßig sehr unsicher war, u.a. mit der Einschätzung der Steuerzahlungen, und da haben wir uns gesagt: Gehen wir dahin, wo wir unsere Wurzeln haben, zurück in die zweite Heimat.

 

Gendia: Es ist fast alles gefragt und fast alles gesagt. Wir wünschen ­Ihnen weiter eine aktive und erfolgreiche Zeit mit vielen glanzvollen Highlights – und – herzlichen Dank für das Gespräch.

Ohne Fleiß keinen Preis!

Im „Badekostüm“ 1958

am Gardasee.

 

Foto: © Barbara Volkmer

 

Die Kessler-Zwillinge:

Sie präsentierten sich den überraschten Zuschauern der diesjährigen Berliner Fashion Week im ­Hotel Adlon. „Ich wollte die Kessler-Zwillinge unbedingt in meiner Show ­haben, weil ich Mode für alle ­Alters­klassen machen möchte. Die ­­bei­den machen das wunderbar,“ ­be­geisterte sich die Designerin ­Inna Thomas.

Sie sind in die Jahre gekommen, die Kessler-Zwillinge. 2x 77 Lenze schwebten elegant und leichtfüßig über den Laufsteg, schlank und in ­jugendlicher Anmutung. Alter? Unwesentlich. Die Ausstrahlung vermittelt andere Jahreszahlen als die Geburts­ziffern. Ihr gemeinsamer Lebensweg ist gepflastert mit internationalen ­Erfolgen dieser berühmtesten Schwestern Deutschlands.

Sie sind in Nerchau bei Leipzig geboren, besuchten mit sechs Jahren die Ballettschule, bestanden die Aufnahmeprüfungen für das Kinderballett und die Operntanzschule Leipzig mit Auszeichnung, und mit ihrem ersten Engagement am Düsseldorfer Revuetheater begann der Start in eine internationale ­Karriere. Die Showbühnen der Welt – Lido Paris, New York, London, Hongkong, Caracas, Rom, Monte Carlo, Athen, Barcelona, Buenos Aires, Sydney, ebenso wie die internationalen Theaterbühnen waren ihre „Spielwiesen“. Es entstandenen mehrere internationale Spielfilme mit u.a. Danny Kaye, Dean Martin, Bing Crosby, Frank ­Sinatra, Harry Belafonte, Sammy ­Davis jun.

Ihre Auszeichnungen: Die Goldene Rose von Montreux, Bundesverdienstkreuz am Bande, Premio Guidarello – italienische Auszeichnung für ihr Lebenswerk.

Welch eine Karriere – und sie agieren noch immer! Chapeau!

Vita

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