Wissenschaft & Soziales

Maskuline Zerrbilder: Der Mann gilt als lächerlich oder gar böse. Gebraucht wird er weiterhin im Krieg. Wo bleibt das Positive?

Vom Ernährer zum Trottel?

Dr. Thomas Gesterkamp

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Ob in Fernsehserien, Bestsellern oder Kabarett: Männerklischees ­sorgen für Abwertung und Spott. Wo einst der Blondinenwitz war, ist heute das Amüsement über den Mann. Der Geschlechterforscher Walter Hollstein spricht gar von ­Misandrie, von krankhaftem Männer­hass. Über Jahrhunderte sei der Mann Garant „für Schutz und Fortbestand des Gemeinwesens“ gewesen, galt als Schöpfer der Zivilisation. Nun würden Männer dargestellt „als Zerstörer von Natur, Kriegstreiber, Gewalttäter, Kinderschänder oder – in der Werbung – als Trottel”. Früher hoch geachtete Eigenschaften wie Mut, Leistungswille und Autonomie seien heute „als Aggressivität, Karriererismus und Unfähigkeit zur Nähe stigmatisiert“.

Ein düsteres Bild – gibt es denn gar nichts Positives? Für die Umwertung machen männerrechtlich orientierte Autoren „den Feminismus” verantwortlich. Christoph Kucklick vertritt in seinem Buch „Das verteufelte Geschlecht” die Gegenthese. Der zufolge ist Männerschelte weit älter als die Frauenbewegung. „Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen für die Männer, du sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken”, schrieb der Theologe Friedrich Schleiermacher 1798. Schon vor über zwei Jahrhunderten wurden Männer als unmoralisch, egoistisch, asozial und gefühlskalt charakterisiert. Die „Geburt der ­negativen Andrologie”, eines „maskulinen Zerrbilds”, sei unmittelbar mit der Geburt der modernen ­Gesellschaft verbunden, so Kucklick: „Seither schreiten beide, ­Moderne und verteufelte Männlichkeit, gemeinsam und untrennbar durch die Historie.” Das Unbe­hagen an der Moderne sei zum Unbehagen am Mann geworden, „und umgekehrt”.

Der öffentliche Diskurs sieht den Mann ständig „in der Krise”. Kaum noch überschaubar sind ­Titel­geschichten und Sachbücher, die ein wahlweise geschwächtes, unmoralisches, betrogenes, entehrtes oder eben verteufeltes Geschlecht beschreiben. Wenn Antifeministen den allgemeinen gesellschaftlichen Hass gegen Männer beklagen, stellen sie eine larmoyante Diagnose. Viel interessanter ist die Frage, warum so wenig Gegengewicht zu der beschworenen Männerdämmerung spürbar ist. Es wird kaum geredet und geschrieben über tolle, wunderbare und ganz und gar un­­entbehrliche Männer. Außer in ­männer­bewegten Nischen existiert keine stärkende Debatte um eine gegenwartstaugliche Männlichkeit.

Foto: Fotolia © lev dolgachov

Zwischen Macho und Jammerlappen

Zentrale Elemente männlicher Identität sind in den letzten Jahrzehnten erodiert. Doch manche von ihnen wurden voreilig für überflüssig erklärt. Klar, der Ernährer hat an Bedeutung verloren, weil seine Partnerin inzwischen kaum weniger oder sogar mehr verdient. Schlecht ausgebildete Männer, die früher als Angelernte in der Industrie unterkamen, sind jetzt besonders häufig erwerbslos. In Erziehung, Pflege und Service, sogar in alten Männerdomänen wie Polizei und Militär erwarten Arbeitgeber Kommunikationstalent und Einfühlungsvermögen: Qualifikationen, die sie eher Frauen zutrauen.

Und der Mann als Beschützer? Trotz mancher Panikmache leben wir nicht in Syrien oder Gaza. Dort wie auch anderswo überdauert eine Krieger-Maskulinität mit archaischen Attributen: kämpfen, erobern, siedeln. In Deutschland hat die soldatische Männlichkeit nach zwei verlorenen Kriegen und den darin begangenen Verbrechen ein extrem schlechtes Image. Die nach langem politischem Streit in den 1950er Jahren wieder eingeführte Wehrpflicht wurde erstaunlicherweise nie als Diskriminierung von Männern wahrgenommen – vielmehr in einem unausgesprochenen Tauschgeschäft mit dem „Gebären” der Frauen verrechnet. Mittlerweile hat eine Freiwilligenarmee den Zwangsdienst bei der Bundeswehr abgelöst. Seit wieder Särge nach Hause kommen, will keine Familie ihren einzigen Sohn (mehrere Söhne gibt es nur noch selten) dem Vaterland opfern. In vielen Ländern entziehen sich junge Männer durch Auswanderung und Flucht dem Kriegseinsatz.

Definitiv vorbei sind die Zeiten des Haustyrannen. Sein autoritäres oder gar gewalttätiges Durchsetzen männlichen Willens ersetzten komplizierte Verhandlungen in der ­familiären Beziehungsdemokratie, wo sogar die Kinder mitbestimmen. Weil keine eindeutige Geschlechterhierarchie mehr vorhanden ist, wirkt auch die Rolle des „Gentleman” verstaubt. Dessen symbolischer Verzicht auf Herrschaft überdauert als Karikatur in altmodischen Ritualen der Oberschicht. Die ritter­liche Devise „Frauen und Kinder zuerst” aber hält sich hartnäckig in vielen Köpfen. „Frauen auf Händen tragen”: Für dieses Ideal fanden die  Sozialforscher Rainer Volz und Paul Zulehner in einer Studie auffällig ­hohe Zustimmungsraten bei beiden Geschlechtern. Doch der romantischen Vorstellung ist die Begründung abhanden gekommen. Warum müssen Männer stets groß­zügig sein und das Essen bezahlen? ­Warum sollen höfliche Kavaliere die Tür aufhalten oder „der Dame” in den Mantel helfen? Warum in Bahnabteilen oder an defekten Rolltreppen ungebeten das Gepäck weiblicher Mitreisender schleppen?

 

Ernste Spiele mit Tunnelblick

Vor ein paar Jahren klagte Nina Pauer in der Wochenzeitung Die Zeit über „Schmerzensmänner” und „Jammerlappen”. Die Männer um die 30, so die gleichaltrige Autorin, seien passiv und zurückhaltend, sie trauten sich nicht einmal, im richtigen Moment „die Frau zu küssen”. Älteren Männern kam der Tenor bekannt vor: Im Kern handelte es sich um eine Neuauflage der „Softie”-Schelte aus den 1980er Jahren. „Die Brust des Mannes soll stark sein, aber wenn er mit stolz geschwellter Brust flaniert, wird er ruckzuck als Macho beschimpft”, schrieb Jonathan Widder, ebenfalls um die 30, in einer Replik: „Sensibel soll er sein, aber sobald er ­seine ­Gefühle zeigt, wird er als weiner­lich verspottet.”

Was also können Männer gut? Wer darüber nachdenkt, setzt sich schnell dem Verdacht aus, Stereotypen über Geschlechterrollen aufzusitzen. Trotzdem folgt hier ein sicher angreifbarer Versuch. Männer sind durchsetzungsstark, gehen mutig ihren eigenen Weg. Sie konkurrieren miteinander in „ernsten Spielen”, wollen gewinnen, ohne sich dabei zu vernichten. Das Achten des Gegners, die Regeln des Fairplay lernen sie schon als Jungen im Mannschaftssport. Vielen Mädchen und Frauen (nicht allen) fehlt diese Erfahrung – auch wenn der ihnen zugeschriebene „Zickenterror” ebenso ein Klischee ist.

Der oft als Macke betrachtete männliche „Tunnelblick” ist manchmal ­äußerst effektiv, etwa in ­natur­wissen­schaftlichen Versuchen oder beim Programmieren. Genauigkeit, eines nach dem anderen abarbeiten, ­störende Faktoren ausblenden, vollständige Konzentration auf eine ­Sache: Das sind notwendige Forscherqualitäten, Stärken nicht nur bei der Entwicklung technischer ­Innovationen. Der Alleinernährer mag ein Auslaufmodell sein, den zuverlässigen finanziellen Versorger schätzen Frauen nach wie vor. Körperliche Hilfe und Schutzgeben sind Elemente einer zupackenden, positiven Aggression, die nichts zu tun hat mit der negativen Ausübung von Gewalt. Keiner will den Patriarchen zurück, gefragt sind weiterhin Glaubwürdigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Sexismus ist vorgestrig, ein achtungsvolles Verhältnis zu Frauen schließt aber ­aktives Fordern nicht aus. Und die weibliche Klage über den Niedergang des Galans? Beruflich „gleichgestellt” sein und zugleich im Privaten hofiert werden, das kann nicht funktionieren.

 

Dr. Thomas Gesterkamp ist Buch­autor zu Männerthemen, zuletzt
„Jenseits von Feminismus und Antifeminismus” (2014), „Väter zwischen Kind und Karriere” (2010), „Die Krise der ­Kerle” (2007).

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