Kunst & Kultur

Generationen

im Dialog

Furcht erregende Holzmasken haben nicht nur bei
der Fasnacht im Ostrachtal Tradition. Seit einiger Zeit erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit. Aber nur wenige Künstler verstehen es noch, „Breitmülare“ und „Gschrupfte“ zu fertigen. Eine uralte Tradition wird an die nächste Generation weitergegeben.

Die Kunst des Larvenschnitzens

Während der schwäbisch-alemannischen Fasnacht haben aus Kiefer- oder Lindenholz geschnitzte Masken überall ihren Platz. Im Ostrachtal bei Bad Hindelang und Oberstdorf ist das nicht anders. Hier maskieren sich Narren seit 250 Jahren neben dem „Butzemann“ traditionell mit künstlerisch gestalteten Larven, die böse Geister versinnbildlichen.

„Mit handgefertigten Butzenlarven machten früher beim Butzentreiben die Schulbuben in der Fasnacht die Straßen unsicher“, erfährt man von Heimatdienst und Trachtenverein. Die Larven entstanden ursprünglich in den Wintermonaten. Sie sollten im täglichen Überlebenskampf und in den meist nicht enden wollenden kalten, schneereichen Wintertagen den Menschen helfen, ihre Ängste zu bewältigen.

Spezialrezept für die „Fassung“

Zwei Typen Butzenlarven unterscheidet man in der Ostrachtaler Mundart. Da sind zum einen „die schine“, die schönen, glatten, manchmal weiß lackierten, welche die hellen Mächte vertreten. Und da sind zum anderen „die wieschte“, die hässlichen, Furcht erregenden, die für die dunkle Seite stehen.

Nur noch wenige Künstler im Ostrachtal beherrschen die Kunst des „Schnipfelns“ der Fasnachtslarven nach historischen Vorbildern. Und jeder von ihnen hütet seine Spezialrezepte für die „Fassung“. „Um die alte Tradition nicht aussterben zu lassen, haben sich Magnus Wimmer aus Bad Oberdorf, Hermann Schlipf aus Vorderhindelang sowie Sepp Schmid aus Bad Hindelang zusammengetan, um kostbare, alte Masken wieder ins Licht des Fasnachttreibens zu rücken. Sepp Schmid ist ein bekannter Kunstmaler und Mundartdichter. In erster Linie aber ist er einer der letzten Larvenschnitzer. In seiner Werkstatt schauen den Besucher unzählige der oft furchterregend aussehenden Larven aus der Region des Ostrachtals an. Sie tragen für Fremde nahezu unaussprechliche Namen wie Zahluckare, Schtarehisle, Breitmülare, Gschrupfte oder Heanlare. Bevor der Künstler Näheres dazu preisgibt, erklärt er die Herstellung der Kunstwerke. „Aus dem Holz wird die Larve vom groben Umriss zum immer feineren Ausdruck herausgearbeitet.“ Rund drei Tage dauert es, bis Gesichts­züge, Nasenflügel, Runzeln sowie Lippen hervortreten. Danach muss die Larve geschliffen und mit Leinölfirnis eingeölt werden, um dann ihre „Fassung“, also die Farbgebung, zu erhalten.

Historische Fasnachtslarven in der Region gehen auf Bergwesen wie Gams und Geißbock zurück und sind traditionell mit Hörnern als Fruchtbarkeitssymbol versehen. Die hölzernen Maskierungen werden ausgepolstert, mit Gummibändern am Kopf befestigt und mit einem Umhang aus Gamsdecken versehen, der bis auf die Schultern reicht.

Die schönsten und wertvollsten alten Brettlarven wie Mostkopf oder Frosch und andere im Brauchtum verankerte Fasnachtsgesichter aus dem Ostrachtal befinden sich in Familienbesitz oder sind nur im Museum zu bewundern.

Teufel wehren Böses ab

Die Teufelslarven haben eine hintergründige Bedeutung. „Sie wurden einst als Verkörperung des Bösen angesehen und gefürchtet. Man musste dem Teufel in dieser Bergregion die Stirn bieten, indem man ihn als Larve durch die Täler trug und ihm auf diese Weise einen Spiegel vorhielt“, berichtet der Mundartdichter.

„Mit der Gestalt der großmäuligen ,Breitmülare’ drohte man einst Kindern, dass sie von ihr gefressen würden, wenn sie sich nicht brav verhielten“, erzählt der Larvenkünstler. „Bei der „Gschrupft“ hingegen handelt es sich um ein faltig geschrumpftes, verknittertes, herausfordernd wirkendes Larvengesicht“. Hexen schnitzt Sepp Schmid zur Fasnacht nur ungern, „weil das eigentlich kluge Frauen waren.“ Es ist die Freude an den besonders künstlerischen Masken, die Sepp Schmid neben dem Bildermalen zum Larvenschnitzen anregt.

Er besitzt genug Geschick und Erfahrung, um die traditionellen Larven mit Schlegelklopfer, Stechbeitel, Hohleisen, Säge und Geißfüßen in allen Größen aus dicken Holzblöcken zu „schnipfeln“. Damit die Proportionen auch stimmen und klassische Fehler vermieden werden, fertigt der Künstler vorab eine Skizze an.

So muss beispielsweise die Teufelslarve, die Schmid gerade entstehen lässt, auf das Gesicht des Bestellers passen, darf nicht zu tief ausgehöhlt sein, gar zu schmal oder zu schwer geraten. „Ein teuflisches Wesen mache ich gern für Kunden, denn wie nah ist doch manchmal der Teufel dem Menschen!“

„Auch wenn ich merke, dass ein Auftraggeber meine Arbeit schätzt, trenne ich mich nur ungern von den wertvollen Stücken“, resümiert Sepp Schmid. Die Beliebtheit der Larven bei den Fasnachtsumzügen und die steigende Nachfrage lässt den Künstler zuversichtlich in die Zukunft blicken. Seinen Nachfolger findet der Larvenschnitzer wohl in der eigenen Familie. „Mein Sohn ist Schreiner, den krieg ich schon noch weich, dass er eines Tages in das ­Geschäft ebenfalls einsteigt“, ist er sich ­sicher. Und macht sich daran, in  seinem Atelier die nächste Larve zu fertigen.

Text und Fotos: © Karl-Heinz Wiedner, Storymacher GbR

30 cm starker Holzblock

zur Fertigung einer Larve.

Josef Schmid arbeitet aus
dem Block die Larve heraus.

 

Der Künstler präsentiert

stolz sein fertiges Werk.

 

Beispiele aus 250 Jahre alter Larventradition.

Eine furchterregende
Teufelsmaske aus der Kunstwerk-
statt von Josef Schmid.

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