Wissenschaft & Soziales

In einem Gespräch mit Angelika ­Miko, Kinder-
krankenschwester, Palliative-Care-Fachkraft und Einsatzleiterin der „Sterneninsel“, möchten wir Näheres über diese Einrichtung erfahren.

GiD: „Wie sieht der Weg aus, auf dem Sie und ihre Mitarbeiter betroffene Familien begleiten?“

AM: „Jeder dieser Wege ist so individuell wie die Menschenkinder, die wir begleiten. In den Familien, in denen ein Kind oder ein Elternteil die ­Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhält, herrscht der Ausnahme-zustand. Wir können niemandem das Leid abnehmen, aber wir bringen den Familien Zeit und können unterstützend in vielen Bereichen tätig werden. Doch betroffene Kinder oder Jugendliche sind oft wahre Lehrmeister für uns alle. Hierzu möchte ich Ihnen ein Beispiel erzählen. Mein Freund Jonas ist 16 Jahre und hat Muskelschwund. Er kann sich nicht mehr selbst bewegen, hat Schwierigkeiten zu sprechen, und wird maskenbeatmet. Er weiß, dass er nicht alt wird. Jonas ist großer Fußballfan, mag laute Musik, arbeitet am Computer mit der Augensteuerung und denkt dasselbe wie andere Jungs in seinem Alter. Er sagte zu mir: „Angelika, ich bin nicht krank“. Krank bezeichnete sich Jonas während einer Lungenentzündung. Sein Motto lautet jeden Tag: ,Machen wir das Beste draus!’“

 

GiD: „Woher nimmt so ein Junge die unglaubliche Kraft für diese Lebenseinstellung?“

AM: „Eine gute Frage, die Antwort erfahren wir im Umgang mit den Menschen. Wir lernen aus den Begegnungen: Was alle Menschen stärkt ist nicht Mitleid, sondern Anteilnahme am Leben, denn sie sind ja am Leben. Betroffene Kinder und Jugendliche wollen Ehrlichkeit, und sie sind oft diejenigen, die andere trösten. Und ich behaupte, dass wir, die Erwachsenen, den Zugang zum Sterben, Tod und Trauer verloren haben. Es wird verdrängt in einer natürlichen Weise darüber zu sprechen. Unsere Kultur lässt dafür kaum Raum. Das wieder zu ent­wickeln ist eine große Aufgabe der ­Hospizbewegung.

Eine große Kunst, die noch verbleibenden Tage, Monate oder Jahre nicht trauernd, sondern lebensnah und fröhlich zu gestalten und zu leben – ­eine wunderbare Aufgabe.

Wir sprechen auch über den Elefanten im Raum. Es ist die Geschichte von dem Jugendlichen, der gesagt hat: „Warum sprecht ihr nicht mit mir über den großen Elefanten hier im Raum? Ihr seht ihn doch alle, ich weiß doch, dass er da sitzt!“ Er hat damit den Tod benannt. Im Leben ist es wichtig den Tod zu benennen. Jeder der es möchte, hat das Recht darauf darüber zu reden. Es gibt Hoffnung, es gibt auch Wunder. Aber auch der Gedanke muss im Kopf und im Herzen Platz haben: „Wohin wird es gehen?“

Wir begleiten die Familien unabhängig von der Weltanschauung und Reli­gion.“

 

GiD: „Wo werden die Kinder von ­Ihnen betreut? Leben sie in Ihrem Haus?“

AM: „Nein, wir sind ambulant tätig. Wir sind bei den Familien zuhause, begleiten auch bei einem Klinikaufenthalt. Wir haben ein Büro für Besprechungen und die leider notwendigen Verwaltungsaufgaben. Für Fortbildung und Supervision stehen uns bei BBQ große Schulungsräume zur Verfügung.“

 

GiD: „Sie gehen also im Rahmen ­Ihrer Hilfeleistung und Aufgabenerfüllung in die Wohnungen der Betroffenen?“

AM: „Ja. Wir gehen gezielt in die Familie, damit die Mutter/der Vater entlastet ist oder die Möglichkeit hat, mit den gesunden Geschwistern etwas zu unternehmen. Wenn die Eltern in Urlaub oder Reha gehen wollen, müssen wir andere Hilfsmittel einsetzen, denn das geht über die ehrenamtliche Leistung hinaus. Wir haben gute Kontakte zur Familienhilfe, Tagesmüttern, Pflegediensten und anderen Organisationen.

Es wird im Enzkreis eine Herberge für Familien entstehen, damit die Kinder und Jugendlichen vorrangig in Kurzzeitpflege, bei Bedarf auch Tag und Nacht untergebracht und betreut werden können (Info: www.lebensweg-herberge.eu).“

 

GiD: „Bei Ihnen arbeiten alle ehrenamtlich?“

AM: „Ja, außer mir und Mylène Krink-Zorn, Dipl.-Kreativtherapeutin und ­Kinder- und Jugend-Trauerbegleiterin. Die hauptamtliche Tätigkeit wird in den Hospizdiensten aus einem ­Landes­topf finanziert. Alle anderen Kosten finanzieren die Dienste – so auch wir – über Spenden.

 

GiD: „Wieviel betreut ein Mitarbeiter?“

AM: „Zumeist ist ein Mitarbeiter/Mitarbeiterin in einer Familie. Notwendig wird ein Mehrpersoneneinsatz in einer Familie, wenn Geschwister da sind. Es ist sehr wichtig, eine Beziehung aufzubauen und separat mit ­ihnen etwas zu unternehmen, begleitend Gespräche zu führen oder ­Rituale einzusetzen. Zum Beispiel hat in einem Fall die Schwester eines todkranken Bruders alle sie belastenden Gedanken immer wieder auf ein ­Papier geschrieben, dies dann zerrissen und verbrannt. Ein gemeinsamer Kino- oder Schwimmbadbesuch ist ebenfalls möglich, erwünscht und wohltuend für das Kind oder den Jugendlichen, und dabei mal ganz im Mittelpunkt zu stehen.“

 

GiD: „Was bietet die Sterneninsel noch?“

AM: „Unser Angebot ,Offener Treff’ für Geschwister, Kinder und ­Jugend­liche aus der Trauerbegleitung in ­Kooperation mit dem Kinderschutzbund. Dazu kommen bunte Aktionstage, wie zum Beispiel ein Tag mit Erlebnispädagogen. In Planung ist ein ganzes Wochenende im Februar 2013.

Wir haben einen monatlichen Müttertreff, und in diesem Jahr wird der erste Mutter-Verwöhntag stattfinden.“

 

GiD: „Und wer kümmert sich um die Männer, die Väter?“

AM: „Ja, das ist noch ein Problem. Ich habe jetzt, neben drei ehrenamtlichen Mitarbeitern noch einen Mann im Team. Der Psychologe Ulrich ­Haehner – früher in der Beratungsstelle tätig – steht uns mit Rat und Tat zur Seite. Wir sind schon sehr „frauen­lastig“ und für Väter ist es wichtig, auch mal einen männlichen Ansprech­partner zu haben.“

 

GiD: „Gibt es noch weitere Bereiche Ihrer Hospizarbeit?“

AM: „Ja, wichtig ist uns die Begleitung von betroffenen gesunden Kindern, wenn ein Elternteil schwer erkrankt oder verstorben ist. Kinder und Jugendliche schützen ihre Eltern. Das heißt, sie fragen den Elternteil nicht nach Details, sie spüren, dass diese Antwort für den Elternteil schmerzhaft ist. Wir kommen gern schon zum Zeitpunkt der Diagnosestellung in die Familie. Wir sind auch da, um Bestattungsrituale mit den Kindern zu erleben und zu erarbeiten. Diese Begleitung erstreckt sich weit über den Tod des Elternteils hinaus.“

 

GiD: „Erstreckt sich Ihre Sterbebegleitung auch auf die Verabschiedung der Verstorbenen im häuslichen Bereich?“

AM: „Ja, es ist unbeschreiblich wertvoll zuhause Abschied nehmen zu können. Die Zeit zwischen Tod und Beisetzung ist nicht wiederholbar. Die wenigsten Menschen wissen, dass jeder jeden Angehörigen nach dem Sterben in einer Einrichtung zurück nach Hause holen darf. Gerne denke ich an Viktoria und die bunten Luftballons. Viktoria kam auf Wunsch der Eltern nach dem Tod in der Klinik nach Hause zurück. Wir haben die Familie keinen Tag in dieser Zeit alleine gelassen. Alle Familienmitglieder ­kamen zur Verabschiedung. Viele Menschen, die Viktoria im Leben besucht und therapiert hatten, kamen gern, um sich von ihr würdevoll und in aller Ruhe zu verabschieden. Die Eltern waren dabei, ganz nah am Gefühl der endlichen Erlösung und dem Schmerz des Abschieds. Gute und tröstende Gespräche, ein Trinkspruch auf Viktoria, ein Lachen mit der Erinnerung und Tränen der Trauer. Zuhause war es für Freunde und Familie gut möglich, auch aktiv Hilfe zu leisten. Texte kopieren, Luftballons ­besorgen, eine Heliumflasche organisieren und vieles mehr.

Am Grab stiegen die bunten Luftballons zum Himmel und – am kleinen Sarg befestigt – nahm Viktoria viele geschriebene und gemalte Wünsche, Fotos und Grüße mit unter die Erde.“

 

GiD: „Haben Sie auch später noch Kontakt mit den Hinterbliebenen?“

AM: „Ja. Das gemeinsame Erleben von Sterben und Tod verbindet ein ­Leben lang. Wir begleiten auch verwaiste Eltern und werden in Bälde eine Gruppe initiieren für Eltern die den Partner oder ein Kind verloren haben. Betroffene Kinder werden in Kooperation mit dem Kinderschutzbund begleitet. Der Übergang von hospizlicher Begleitung zur Trauerbegleitung geht fließend. Mylène Krink-Zorn übernimmt hier zuerst die Einzelbegleitung und nach der individuell passenden Zeit gehen die ­Kinder und Jugendlichen einmal im Monat von Oktober bis Juli in Gruppen zusammen. Auch in diesem ­Monatszyklus 2012/2013 treffen sich über 30 Kinder und Jugendliche, in drei Gruppen aufgeteilt, im Alter von 6 bis 18 Jahren.

 

GiD: „Reicht das Volumen Ihrer Einrichtung für Pforzheim-Enzkreis aus?“

AM: „Nein. Wir haben ein Team von 24 Ehrenamtlichen. Aber wir werden in den nächsten zwei Jahren weiter qualifizieren.“

 

GiD: „Wie lange dauert die Ausbildung?“

AM: „Ein halbes Jahr. Es sind etwa 150 Unterrichtseinheiten – 1x pro ­Woche drei Stunden, dazu kommen ­eine Praktikumszeit und 2 komplette Wochenenden von Freitagnachmittag bis Sonntagabend.“

 

 

Anschrift Sterneninsel:

Angelika Miko Einsatzleitung »Sterneninsel«

Ambulanter Kinder- und Jugendhospizdienst für Pforzheim & Enzkreis

Benckiserstr. 27 c/o BBQ, 75172 Pforzheim, Tel. 0  72  31 - 2  80  97  64

 

Spendenkonten Sterneninsel:

Sparkasse Pforzheim Calw (BLZ 666 500 85) Kto-Nr.: 8 602 603

oder Volksbank Pforzheim (BLZ 666 900 00) Kto-Nr.: 19 54 678

Die „Sterneninsel“

Ambulanter Kinder- und Jugendhospizdienst
für Pforzheim und den Enzkreis:

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Angelika Miko

 

Einsatzleitung »Sterneninsel« –

ambulanter Kinder-
und Jugendhospizdienst für
Pforzheim & Enzkreis.

 

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