Kunst & Kultur

Vorpommern ist die Wiege der deutschen Romantik. Und Caspar David Friedrich ihr bedeutendster Künstler. In seiner Geburtsstadt Greifswald wird das gebührend gewürdigt.

Wo die Romantik zum Erbgut
zählt – Caspar-David-Friedrich-Zentrum in Greifswald

Kunst, Kultur, Kirchen, Kunstgeschichte, Kunsthistorik

Weltuntergangsstimmung überm Utkiek in Wieck. Dieses Drama am Himmel hätte den großen Maler begeistert.

 

 

Friedrichs wohl schönstes Greifswald-Gemälde zeigt die in Licht getauchte Landschaft mit der Stadtsilhouette gleichsam als paradiesische Vision.

„Friedrich  hat die Landschaftsmalerei neu erfunden“, betont Susanne Papenfuß. Sie leitet das Caspar-David-Friedrich-Zentrum in Greifswald, gewissermaßen die Zentrale für alle Friedrich-Fans. Seiner roman­tischen Auffassung nach sei Landschaft nicht mehr bloß Hintergrund oder reine Staffage gewesen, sondern Ausdruck der Schöpfung, der Güte und der Gnade Gottes. „Deshalb komponierte er Ideallandschaften und lud sie emotional auf“, erklärt die Kunsthistorikerin.

An Zeichnungen, die Papenfuß wie Folien übereinander legt, demonstriert sie Friedrichs Technik, verschiedene Bildebenen wie Kulissen ineinanderzuschieben. Mit dunklen Vordergründen zog er den Blick in die Tiefe des Raums. Menschen bildete er meist von hinten ab, als im Anblick versunkene Stellvertreter von Maler und Betrachter, „damit traf er voll den Zeitgeist.“

Geboren wurde Caspar David 1774 in Greifswald. Im Vorgänger­bau des Zentrums, in dessen Backsteinkeller sein Vater Seifen kochte und Kerzen zog. Ein Rundgang durchs Haus informiert anschaulich über Friedrichs Leben und Werk, aber auch seine Familie kommt nicht zu kurz. Nachdem er 1798 nach Dresden übergesiedelt war, blieb er ihr ebenso innig verbunden wie der pommerschen Heimat – allein auf die Insel Rügen führten ihn sieben ausgedehnte Reisen.

Das CDF-Zentrum ist zugleich Startpunkt eines Bildweges zu Ehren des größten Sohnes der Hansestadt. Er führt zu 15 Orten und Motiven, die im Leben und Schaffen Friedrichs von besonderer Bedeutung waren: zum Dom St. Nikolai, wo er getauft wurde. Zur Universität, wo er den ersten Zeichenunterricht erhielt. Zur Jacobikirche, die er als Ruine in den „Klosterfriedhof im Schnee“ malte. Auf die Wiesen vor der Stadt, die ihn zu seinem wohl schönsten Greifswald-Gemälde inspirierten.

Es braut sich was zusammen. Ein grauschwarzes Wolkenungeheuer mit giftgelbem Schweif frisst grummelnd und unerbittlich den blauen Himmel über dem Greifswalder Bodden. Hält einen Moment inne, rülpst zweimal ganz fürchterlich, dann zerplatzt es mit diabolischem Krach. Erbricht einen Wasserschwall biblischer Güte und verzieht sich nach der Sintflut als schlaffer Luftsack Richtung Polen. Nicht ohne letzten bildschönen Gruß: Gleich zwei riesige Regenbögen wetteifern um die Vorherrschaft überm Bodden.

Ein Naturschauspiel, das Caspar David Friedrich genauso begeistert hätte wie heutige Besucher am Utkiek in Wieck. Der kleine, feine Unterschied: Der große Meister hätte das ganze urgewaltige Szenario malen wollen und malen können wie kein anderer. In all seiner Schönheit, in all seiner Dramatik. Und mit jenem unglaublichen Leuchten, „das so wahnsinnig schwer hinzubekommen ist“, wie Birte Frenssen weiß. Die Friedrich-Expertin im Pommerschen Landesmuseum zu Greifswald erklärt, dass der Meister auf die grundierte Leinwand noch eine zweite Schicht auftrug, bevor er darauf die Farbe setzte. „An so einem Himmel hat er unendlich lange gearbeitet, und speziell wenn er Luft malte, durfte man ihn auf keinen Fall ansprechen.“

Ruinen im Mondschein, Segelschiffe im Morgenlicht, die kahlen Äste mächtiger Eichen, die Kreidefelsen auf Rügen – Bilder wie diese sind tief im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Erschaffen von Künstlern, für die Vorpommern in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zum Eldorado wurde. An der weiten Landschaft und dem faszinierenden Licht begeisterten sich ­Philipp Otto Runge in Wolgast, Friedrich August von Klinkowström in Ludwigsburg, Georg Friedrich Kersting in Güstrow und Caspar ­David Friedrich aus Greifswald. Dabei ging es ihnen nicht einfach ­darum, die Wirklichkeit zu malen, sondern die Wahrheit hinter dem Sichtbaren abzubilden.

Im Hafen hatten es ihm die großen Segelschiffe mit ihren aufstrebenden Masten angetan, und auf seinem berühmten Aquarell vom Marktplatz versammelte er seine in Greifswald lebenden Brüder samt Frauen und Kindern, Bekannten und Freunden. Das Original befindet sich nur wenige Schritte entfernt im Pommerschen Landesmuseum, das eine umfangreiche Sammlung an Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen ­sowie Schrift- und Studienblättern von Friedrich besitzt. Darunter Hochkaräter wie die „Ruine Eldena im Riesengebirge“, die „Felsenschlucht im Harz“ oder die „Zum Licht ­hinaufsteigende Frau“ – eine der ­seltenen Innenraumdarstellungen von Caspar David Friedrich, bei der übrigens seine Frau Caroline ­Modell stand.

Vier Stationen des Bildweges führen vor die Tore der Stadt nach Wieck. Zur Mündung des Flüsschens Ryck in den Greifswalder Bodden – für Friedrich eine unerschöpfliche ­Quelle der Inspiration, wenn es um Fischer­boote und Segelschiffe, um Himmel und Meer, um Wasser und Wolken, um den Zauber und die Magie des Lichtes ging.

Vor allem aber und immer wieder zog es ihn in den Ortsteil Eldena – zur Ruine des einstigen Zisterzienserklosters. „Jedes Mal, wenn Friedrich nach Greifswald kam, ging er zuerst zu dieser Abtei; er hat diesen Blick unendlich geliebt“, erzählt ­Birte Frenssen. Mit keinem Ort habe er sich mehr auseinandergesetzt, keinen häufiger gezeichnet, so die Expertin.

Und immer wieder habe er das ­Motiv variiert: Mal steht der mittelalterliche Backsteinfensterbogen am Bodden, mal in einem Eichenwald, mal vor ­einem Bergrücken des Riesengebirges. Vor dem Abriss gerettet wurde ­Eldena übrigens später vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV., dem „Romantiker auf dem Thron“. Er hatte die „Abtei im Eichwald“ und den „Mönch am Meer“ quasi im ­Kinder­zimmer hängen und war ­sozu­sagen ein Seelenverwandter.

Bis heute hat Friedrichs Lieblings­motiv übrigens nichts von seiner ­Faszina­tion eingebüßt. Ob im Mondlicht oder im Schnee. Ob in der Dämmerung oder im Nebel. Ob als stiller Raum für die innere Einkehr oder ­tolle Kulisse für nächtlichen Jazz – das ­magische Flair der roten Mauern ist unverändert geblieben. Malen freilich wird sie wohl niemand mehr ­jemals so wie der große Caspar ­David Friedrich.

Text + Fotos: © Ekkehart Eichler

Die Abtei im Eichwald ist eines

seiner bekanntesten Gemälde.

Die Klosterruine ­Eldena war das Lieblingsmotiv von CDF und wurde durch ihn zum Inbegriff der Romantik.

Die Motive für dieses Gemälde fand Friedrich
vor der Haustür im Greifswalder Hafen.

Rathaus, Dom und Bürgerhäuser sind bis heute beliebte Motive für Maler und Fotografen.

 

 

 

Aquarell vom Greifs-

walder Markt.

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