Kunst & Kultur

Generationen

im Dialog

Der Lebensabend droht mit Siechtum. Stefanie
Alraune Siebert sieht diese Phase aber lieber als
Party. Deshalb hat sie ihr Privatmuseum im Haigerlocher »Schwanen« zur neuen Saison in eine
irre Seniorenresidenz verwandelt.

Die durchgeknallten Alten

Textilkunst vom Feinsten

Jeder Raum zeigt eine andere Szenerie, andere Alte, die dem dräuenden Lebensende eine ordentliche Portion Dekadenz entgegenschleudern. Eine fette Schönheitskönigin etwa, die Wespentaillenideale Wespentaillenideale sein lässt. Oder ein Ehepaar, das Süßkram, Geschirr, sehr viele Haustiere und sich selbst im King-Size-Bett hortet, wieso auch aufstehen, das Leben ist zu kurz für unnötige Bewegung. Da sind Köche, die sich Rosenbrei und Fischschwänze ins Gesicht klatschen, weil sie an die verjüngende Wirkung solcher Naturprodukte glauben, und da ist der Friseur, Fachmann für stilsicheres Auftreten der Best Agers, Spezialgebiet: haltbare Kurzhaarfrisuren, für Monate aufs Haupt betoniert. Einigen Herren schleifen die Tränensäcke in den Kniekehlen, aber hey, es gibt französischen Cognac. Und Sieberts Seniorenresidenz ist ein bisschen Hoffnungsspender für die Resignierten: Zu ihren Bewohnern gehört auch ein schwer verknalltes Paar, frisch verheiratet, die Braut, das flotte Mädchen, zählt süße 72 Lenze. Ein anderes Tatter-Couple hat sogar noch einmal Nachwuchs bekommen, nun gut, es ist ein Wurstkind.

Thema Wurst: Das durchzieht die ganze Seniorenwunderkammer. Saitengirlanden schlängeln sich um Kronleuchter, Pianisten patschen auf Tasten aus Thüringern. Die Wurstsache ist ein Relikt von Sieberts erster Ausstellung in Haigerloch. „Metzgerei“ hieß die, Siebert hat dafür 1000 Textilwürste genäht. Um den smoothieschlürfenden Gemüsefetischistenzeitgeist ein bisschen verächtlich zu machen? Woher denn! Es war ein Kompensationsversuch. Siebert wollte mal dem Fleisch absagen. Hat nicht geklappt. „Ich bin eigentlich arger Tierfan.“ Aber Wurst, sagt sie, Wurst sei eben das Allergrößte.

In der Seniorenresidenz vereint sich in der Wurst dann doch die Brutalität des Alters. Einen ganzen Wursthimmel gibt es da, ein riesiges Buffet mit Schinken und kindsgroßen Sauköpfen, Törtchen und Austern auch noch zwischendrin, das Bernsteinzimmer für ungehemmte Schlemmer. Wenn sie denn noch schlemmen könnten. Tun sie aber nicht. „Im Seniorenstift kann man nicht mehr so gut zubeißen“, deshalb hutzelt der ganze schöne Speisenberg unter einem Spinnwebenteppich vor sich hin, tja.

 

Textilkünstlerin Stefanie Alraune Siebert.

Das Greisentum glitzert. Die alten Ladies tragen zu viel Schminke, zu tiefe Dekolletés und gelockte Handtaschenhündchen auf dem Schoß, Pensionisten schwofen Arm in Arm, der Champagner läppert in unanständigen Mengen aus der Magnumflasche, die Krücken fliegen in die Ecke. Viel Samt, viele Perlenketten, viel Lack auf den Schuhen. Der Lebensherbst als theatrale Supersause. Und als Gegenentwurf zum Klischee vom Altersheim, jenem Ort, der sonst wie keiner allen Trübsinn dieser Welt aufsaugt, der voll von Runzeln, künstlichen Hüftgelenken und stieren Blicken ist, wo die Luft nach Kamillentee riecht und nach Krankheit und immer welk. Im Haigerlocher Schwanen ist zur Zeit mehr Gelage als Siechtum. „Das hier ist kein Seniorenheim, in dem man verblödet in der Ecke hockt“, sagt Stefanie Siebert, Künstlername Alraune.

Siebert hat vor fünf Jahren den ehemaligen Landgasthof am Marktplatz gekauft. Seither macht sie dort in jedem Sommerhalbjahr eine Ausstellung. Siebert ist Textildesignerin, sie fertigt menschengroße Figuren aus Stoff. Puppen darf man die nicht nennen, das fände sie ein bisschen abschätzig. Vor 37 Jahren entstanden die ersten. 70 hat sie inzwischen, neue kommen nicht mehr dazu. Aber sie lässt die Figuren jedes Jahr eine neue Geschichte erzählen. Heuer spielen sie eine Großwohngemeinschaft für Betagte mit Hang zum Unkonventionellen: Das Ausstellungsmotto 2017 heißt „Seniorenresidenz Eyachfrieden“.

Warum eigentlich das Seniorenthema? Alraune, Jahrgang 1952, rote Haare, noch röterer Lippenstift, Cargo-Hose, hat sich überlegt: „Wie wird das wohl mal, wenn ich 70 oder 80 bin? Grauslig oder toll?“

Für ihre Besucher soll der Abstecher ins Altersdasein jedenfalls „etwas Festliches“ werden. Ein großes Erlebnis. Deshalb sucht sie auch immer passende Musik zu ihren Ausstellungen aus. Dieses Mal ist es die von Nino Rota geworden, der komponierte auch für diverse Fellini-Filme. In der Seniorenresidenz klingt das leicht und beschwipst und ein bisschen durchgedreht, wie im Zirkus. Siebert sagt: „Die Leute sollen das Gefühl haben, sie kommen in eine andere Welt. Die hat nichts zu tun mit dem normalen Leben.“

Und sie dürfen richtig hineinschlüpfen in dieses unnormale Leben. Im Eingangsbereich liegen Hüte im Bohème-Schick und schöne Mäntelchen aus für jeden Gast. Wer mag, kann auch eine Proberunde mit dem Rollator drehen, in Alraunes Barockversion ist die Gehhilfe in Blumenranken gepackt. Es ist eine Art ausgeflipptes Parallel-
universum, das sich in der Haigerlocher Unterstadt auftut, wo die Gebäude historisch sind und die Flusstäler eng und die Frühlingslandschaften pittoresk.

Immer an Ostern eröffnet Siebert ihre jeweilige Ausstellung, eine Laufzeit dauert bis Oktober. Rund 10.000 Besucher kommen pro Saison. Tübinger Professoren, Balinger Hausfrauen, Stammgäste, Busladungen. Heuer sehen sie das Kontrastprogramm zur durchgebotoxten Jugendwahngesellschaft. Keine vitalen Alten, die bis aufs Sterbebett nordic walken. Sondern solche, die das pompöse Leben feiern. Ein bisschen Schwund ist dabei freilich immer. Wenn etwa beim Leberpasteten-Schneiden ausversehen ein Finger mit unters Messer rutscht. Für solche Fälle gibt es im Haus Dr. Kuhbein.

Immerhin: Die Pusteln und Quaddeln ­seiner Stoffpatientinnen bestehen aus Pailletten und Glitzersteinchen. In der Seniorenresidenz Eyachfrieden hat halt sogar der Ausschlag Glamour.

 

Text und Fotos: © Kathrin Löffler, Schwäbisches Tagblatt GmbH

Ausstellung

Die Ausstellung „Seniorenresidenz Eyachfrieden“ ist in Alraunes Privatmuseum im Schwanen in Haigerloch (Marktplatz 5) zu sehen. Sie läuft bis zum 31. Oktober 2017. Besucher können immer donnerstags, freitags, samstags, sonntags und an allen Feier­tagen von 14 – 17 Uhr kommen.

Der Eintritt kostet 8, für Kinder ab 6 Jahren 4 Euro. Gruppen ab 18 Personen sollten sich vorher anmelden. Telefon: 0 74 74/9 58 07 58;

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